TV 1863 Ortenberg ( Hessen )

   

   

von der Gründung bis heute

Am 03.04.1863 wurde der Turnverein Ortenberg gegründet. Vereinserfahrene Turner aus Büdingen leisteten bei der im Gasthaus Zur Post stattfindenden Gründungsversammlung Erste Hilfe. In den alten Unterlagen

werden als Gründungs- und Vorstandsmitglieder die Namen Theophil Emrich, Preuschen, Alt, Dr. Marcus und Heinrich Hebbel IV aufgeführt. In wenigen Monaten wuchs die Mitgliederzahl, zu der auch Bürger der umliegenden Gemeinden zählten, auf über fünfzig. Bald nahm man Verbindung zur mittlerweile großen deutschen Turnergemeinde auf. Bindeglied war die in Leipzig erscheinende Deutsche Turnzeitung. Ein großes Ereignis am 18.10.1863 ist die Weihe der ersten, vereinseigenen Fahne anlässlich einer großen Gedenkfeier zur 50. Wiederkehr der Völkerschlacht von Leipzig, zu der eine Abordnung des jungen Vereins nach Leipzig angereist war. Unter den schwierigen und gefährlichen Bedingungen einer solch weiten Reise zur damaligen Zeit, deren Finanzierung auch weitgehend aus eigener Tasche bestritten werden musste, sieht man, mit welcher Begeisterung die damaligen Turner dabei waren. Gestiftet wurde die Fahne vom damaligen, in Selters ansässigen Vereinsmitglied Dr. Heldmann, dessen Name heute das Gemeindehaus in Selters trägt. Geturnt wurde damals unter freiem Himmel auf der Wiese unterhalb des Schlossberges, dort, wo heute die Fischteiche sind. Kletterbaum und Turngerüst waren die zuerst angeschafften Turngeräte. Die damalige gräfliche Rentkammer und angesehene Handwerker der Stadt waren mit Lieferung und Bau der Sportgeräte betraut. Aber nicht nur Geräteturnen allein wurde ausgeübt.Bild8

Sehr bald kamen die Vorläufer der heutigen Leichtathletik, das sogenannte volkstümliche Turnen dazu. Später wechselte man dann auf das Gelände des heutigen Marktplatzes. Ballspiele fanden aber weiterhin meist auf der Wiese unterhalb des Burgberges bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts statt. Danach wechselte man auf das Gelände des früheren alten Sportplatzes zwischen der Bundesstraße und der Nidder. Nachdem kurz nach der Gründung mehrere Kriege hintereinander Lücken in die Ortenberger Turnergemeinde rissen und der Sportbetrieb teilweise zum Erliegen kam, wurden mit Gründung des Deutschen Kaiserreiches um 1871, dreiundvierzig Jahre des Friedens eingeleitet. In dieser Zeit entwickelt sich der Verein zu beachtlicher Größe. Sowohl die Zahl der Mitglieder als auch die sportlichen Erfolge machten den Verein weit über den Ort hinaus bekannt. Bis nach Frankenberg am Edersee wird 1912 am Gauturnfest der Name Ortenbergs getragen. Auch auf dem Hoherodskopffest , auf dem Dünsberg oder Kirchhain werden Ortenberger Turner preisgekrönt. Die Krönung fand damals in Form eines auf den Kopf gesetzten Lorbeerkranzes statt. Pokale und Medaillen waren damals nicht in Gebrauch.

Im Jahr 1912 dürfen dann auch Frauen dem Verein beitreten und in eigener „Mannschaft" turnen. Die Jahre des Ersten Weltkriegs fordern schwere Verluste unter den männlichen Sportlern und die sportliche Betätigung kommt fast zum Erliegen. Aber schon im Jahr 1919 kann der Verein wieder neu entstehen und an alte ErfolBis jetzt hatte man immer im Freien geturnt. Man war Wind und Wetter ausgesetzt und zur Winterzeit war Turnen im Freien sowieso kaum möglich. Daher ist es verständlich, dass der Wunsch nach einer vereinseigenen Unterkunft immer stärker wurde. Der damalige Vorstand ließ sich Vieles einfallen, um ein eigenes Haus anzuschaffen und zu unterhalten. Bittbriefe wurden geschrieben, Anteilsscheine verkauft, sogenannte Bausteine konnte die Bevölkerung in Form von Marken a 50 Pfennigen erwerben. Durch die Inflation, welche den Geldwert im Jahre 1923 ins Uferlose stürzen ließ, war das bisher angesparte Geld nichts mehr wert. Trotzdem schaffte man es im Jahr 1926, den heute noch existierenden „Mauergarten" von dem Geschäftsmann Kees zu erwerben und für 20 Jahre als Vereins - und Sporthaus zu erhalten. Der Zweite Weltkrieg mit all seinen verheerenden Folgen bedingte, dass man sich 1943 gezwungen fühlte, den Mauergarten wieder zu verkaufen.

Der Aufbruch in das zwanzigste Jahrhundert war nicht nur von materiellen und technischen Veränderungen geprägt. Auch im Sport setzte sich immer mehr der Konkurrenz- und Erfolgsgedanke durch. Mannschaftssportarten kamen immer mehr in Mode und verdrängten teilweise das bisher ausgeübte, allein der Körperertüchtigung dienende Turnen.

Im Gründungsjahr 1863 waren erstmals weltweit geltende Regeln im Fußball aufgestellt worden. Davor war Fußball eher so etwas wie das heutige Rugby, noch ungeordnet und gefährlich. Ortenbergs Domäne aber sollte der Handball werden.

Zwar gab es schon in der Antike Wettkämpfe, in denen ein Ball geworfen wurde. Aber erst 1917 entwickelte der Berliner Turnwart Max Heise das Handballspiel. Eine Mannschaftssportart für Frauen, da ihm Fußball zu rau und gefährlich für das weibliche Geschlecht erschien. In den Folgejahren wurden die Regeln verfeinert, diese Sportart etablierte sich auch für Männer und schon 1921 wurde die erste deutsche Meisterschaft im Handball ausgetragen.

In Ortenberg gründete der Turnverein im Jahre 1929 seine erste Handballabteilung. Da damals unabhängig vom TVO sich die Germania Ortenberg als eigenständiger Fußballverein aufgestellt hatte, wollte man sich nicht mit einer eigenen Fußballabteilung als Konkurrenz sehen und wandte sich ganz dem Handballspiel zu. Anfangs hatten es die Ortenberger Handballer schwer. Lange spielten sie ohne begeistertes Publikum. Immer noch waren diese „rohen Kampfspiele" in der Bevölkerung nicht anerkannt. Aber nach und nach erwuchs, getragen vom Idealismus von Männern wie Georg Pfeiffer, Fritz Becker und Karl Ullenberger (den Älteren unter den Lesern sicher noch in Erinnerung), eine starke Abteilung heran. Regelmäßiges Training, Ausbildung von qualifizierten Schiedsrichtern und natürlich die Begeisterung der Spieler trugen dazu bei, dass die Ortenberger Handballabteilung des TVO sich weit über Ortenbergs Grenzen hinaus einen geschätzten, aber auch gefürchteten Namen machte. Mussten die Spieler in den Anfangsjahren noch per Fahrrad den Weg zu ihren Spielen zurücklegen und auch Schuhe und Trikots aus eigener Tasche finanzieren, ließen sie sich von solchen Widrigkeiten nicht abhalten. Kameradschaft, Spielfreude und die zahlreich errungenen Siege machten Alles wett. Traditionell wurde das seit 1950 jährlich ausgetragene Pfingstturnier. Aus ganz Deutschland reisten Handballmannschaften an, um ihre Stärke zu testen, Freundschaften aufzubauen und Kameradschaft zu pflegen. Im Jahr 1997 gipfelte, getragen von einer überaus spielstarken Damenmannschaft unter der leider schon verstorbenen Spielführerin Heike Mitschola - Bade, die Ortenberger Handballära mit dem Einzug in die 2. Bundesliga. Seitdem ist es langsam still geworden um die einst so erfolgreiche Abteilung des TVO. Dem enormen Kostendruck, dem eine so kleine Gemeinde wie Ortenberg ausgesetzt war, konnte auf Dauer nicht standgehalten werden und spielstarke Nachwuchskräfte fehlten. Zur Zeit versucht der TVO, mit einer neu gegründeten Damenmannschaft an alte Erfolge anzuknüpfen.

Heute ist der TVO mit über 460 Mitgliedern der größte Verein in Ortenberg. Unter seinem Dach vereinen sich viele Abteilungen, welche auch schon zum Teil über 50 Jahre bestehen. Andere wiederum haben sich mangels Interesse oder geeignetem Nachwuchs wieder aufgelöst.

So entstand im Jahre 1950 eine bei seinen Gegnern gefürchtete Herren-Tischtennis-Abteilung. Maßgebliche Initiatoren waren Herr Haug und Roland Meier. Schnell fanden sich etwa 20 aktive Spieler in einer Seniorenmannschaft zusammen. Auch eine Schüler- und Jugendmannschaft konnte aufgrund großer Nachfrage etabliert werden. Schnell konnte man aus der Kreisklasse Büdingen in die Bezirksklasse Wetterau aufsteigen und dort mit vielen Siegen punkten. Ab 1958 wurden jährliche Stadtmeisterschaften ausgetragen. An zwei Spieltagen maßen sich über zweihundert Spieler aus Herren, Damen und Jugendmannschaften in ihrer Spielstärke. Leider fand sich ab 1993 keiner mehr, der die Abteilung Tischtennis weiterführen wollte und so wurde sie aufgelöst.

Die Abteilung Turnen begleitet den TVO schon seit seiner Gründung. War es zu Beginn eher eine Wehr- und Körperertüchtigung der jungen Männer, welche im Geräteturnen ihre Körper stählten, kamen später Leichtathletik und die Mannschaftssportarten hinzu. Im Jahr 1912 konnten dann auch die Damen in eigener Mannschaft auftreten. In den fünfziger und sechziger Jahren war Turnen und Leichtathletik in seiner Blüte. Auf dem Alten Sportplatz an der Nidder wurden erfolgreiche Meisterschaften ausgetragen. Namen wie Ulrich Heck, die Brüder Meuer und Naumann, oder Günter Ullenberger zählten zu den erfolgreichen Turnern und Leichtathleten der damaligen Zeit, unterstützt und begleitet von dem, den Älteren noch beBild9kannten Fritz Becker. Unter seinen Fittichen konnte sich damals sein Enkel Edgar Itt entwickeln und es später zu einer Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen im Hürdenlauf schaffen.

„Die Turnfrauen" von damals punkteten hauptsächlich in den Disziplinen der Leichtathletik und den ab den siebziger Jahren aufkommenden Waldläufen. Das Gesicht der Turnabteilung hat sich seitdem grundlegend gewandelt. In vielen Unterabteilungen, oder auch losen Zusammenschlüssen, wird man den unterschiedlichsten Nachfragen gerecht. Seit vielen Jahren gibt es eine Abteilung Kinderturnen. Hier machten sich besonders Tine Finkenzeller (verstorben) und Freia Ewinger-Müller durch ihren unermüdlichen Einsatz einen Namen. Weiterhin gibt es eine Sparte Eltern-Kind-Turnen, Männer, Frauen und Seniorengruppen. Man trifft sich zum Nordic-Walking, zur Fitness-Gymnastik oder besucht den neuesten Trend in der Tanzgymnastik: „das Zumba", wo zu lateinamerikanischen Rhythmen Körper und Seele auf Touren gebracht werden. Seit vielen Jahren führt Heidi Emrich die immer beliebter werdende Unterabteilung „Sportabzeichen". Hier kann nach den Vorgaben des Deutschen Sportbundes von interessierten Kindern bis hin zu den ganz späten Semestern das Deutsche Sportabzeichen in Bronze, Silber oder Gold erworben werden.

Seit 1980 gibt es beim TVO die Abteilung Karate. Der Zufall wollte es, dass Wilfried Schulz, der damalige Bürgermeister von Ortenberg, als begeisterter Karatekämpfer, neben seinem anstrengenden Amt als Stadtoberhaupt, noch so viel Zeit in ehrenamtliche Tätigkeit investierte und die Karategruppe gründete. Diese wird heute, aufgeteilt in unterschiedliche Kinder-, Jugend- und Erwachsenengruppen, mit großer Mitgliederzahl und engagiert von Hannelore Rausch geleitet. Damit aber der Kampfsportdisziplinen nicht genug. Seit 2002 existiert unter dem Dach des TVO auch eine Abteilung Kickboxen. Gegründet wurde diese von Kenan Fejzic. Seinem Wissen, Können und seiner Begeisterung ist es zu verdanken, dass seit Gründung die Mitgliederzahl kontinuierlich steigt und Siege bei Turnieren der Hessen- und sogar der Deutschen Meisterschaft im Kickboxen nach Ortenberg geholt werden.

Einen besonderen Stellenwert genießt die Abteilung Koronarsport, welche es seit mittlerweile zwanzig Jahren ermöglicht, dass Menschen mit Herz- Kreislaufproblemen unter Aufsicht und Anleitung von qualifizierten Ärzten ein behindertengerechtes Training zur Verbesserung ihres Zustandes absolvieren können. Gegründet vom Kardiologen Dr. Dieter Schepp und dem Sportlehrer Wolfgang Bauer im Jahr 1993 zeugt eine große Zahl von Teilnehmern der näheren und auch weiteren Umgebung vom Nutzen dieser wichtigen Abteilung.

Lieber Leser dieser Chronik: Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, Ihnen einen kleinen Einblick in die Geschichte, das Wirken und Werden des TVO zu vermitteln. Trotz vieler Rückschläge in vielfältigster Art, hauptsächlich aber der schlimmen Kriege, steht unser Verein als mitgliederstärkster Verein von Ortenberg heute stabiler da als je zuvor. Der Vorstand bemüht sich, die Wandlungen und Trends der Zeit zu spüren und mit seinem vielseitigen Angebot jedem eine Möglichkeit zu geben, seine sportlichen Stärken auszuspielen. Aber auch die Kameradschaft wird in unserem Verein sehr hoch gehalten. Neben Treffen und Veranstaltungen der einzelnen Abteilungen bietet der TVO gemeinschaftliche Wanderungen, Neujahrstreffen, Grillfeste und andere unterhaltsame Veranstaltungen in gemütlicher Runde an.

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